DATUM: 14. November 1988
ORT: Unterirdische Anlage "Kranich", Sektor 4 (Tiefebene -3)
BETREFF: Abschlussbericht Projekt "Stummer Wächter"
BETREFF: Abschlussbericht Projekt "Stummer Wächter"
ZUSAMMENFASSUNG DES EXPERIMENTS:
Am 12. Oktober 1988 wurden fünf ausgewählte Rekruten der NVA (im Folgenden Subjekte 1 bis 5) in die versiegelte Ebene -3 der Anlage "Kranich" verlegt.
Ziel des Experiments: Erprobung der Loyalität und psychischen Stabilität bei absolutem sensorischem Entzug, kombiniert mit der ununterbrochenen Beschallung durch niederfrequente Töne (14 Hz). Die Probanden wussten nicht, dass es keinen Entlassungstermin gab.
PROTOKOLL-AUSZÜGE DER ÜBERWACHUNG:
TAG 04:
Subjekte zeigen erwartete Desorientierung. Subjekt 3 klagt über Druck auf den Ohren und Nasenbluten.
Anomalie: Um 02:14 Uhr stehen alle fünf Subjekte zeitgleich von ihren Pritschen auf. Sie stellen sich im exakten Abstand zueinander in die Mitte des Raumes und blicken zur Betondecke. Sie verharren dort reglos für 4 Stunden und 12 Minuten. Auf Ansprache über das Interkom erfolgt keine Reaktion.
TAG 09:
Nahrungsaufnahme wird kollektiv verweigert. Die Kameras erfassen, wie die Subjekte in einem Kreis auf dem Boden sitzen. Sie sprechen ununterbrochen.
Die Tonanalyse des Abhörgeräts (Typ
Wanze-7) ergibt eine gravierende Abweichung: Die Lippen der Subjekte bewegen sich nicht synchron zu den aufgezeichneten Worten. Zudem filterte das Tonband eine sechste Stimme heraus. Es ist die Stimme eines älteren Mannes, der fließend Russisch spricht. Keines der Subjekte verfügt über russische Sprachkenntnisse.
TAG 14:
Die Beleuchtung auf Ebene -3 fällt für exakt 30 Sekunden aus. Als das Notstromaggregat anspringt, stehen die Subjekte 1, 2, 3 und 4 in den vier Ecken des Raumes, das Gesicht zur Wand gepresst.
Subjekt 5 fehlt.
Die Stahltür (15cm Krupp-Stahl, von außen elektronisch verriegelt) wurde nachweislich nicht geöffnet. In der Mitte des Raumes liegt die Uniform von Subjekt 5. Sie ist vollständig intakt, aber in sich zusammengefallen, als hätte sich der Körper im Inneren verflüssigt.
TAG 17:
Subjekt 1 bis 4 beginnen, sich mit den bloßen Fingernägeln die eigenen Augenlider zu entfernen. Der diensthabende Offizier will eingreifen, wird jedoch von der Projektleitung gestoppt.
Über das Interkom meldet sich Subjekt 2 mit vollkommen ruhiger, monotoner Stimme:
"Bitte schalten Sie das Licht aus. Die Dunkelheit blendet uns. Er will schlafen."
TAG 19 (ABBRUCH DES EXPERIMENTS):
Die Kameras fallen aus. Aus den Lüftungsschächten dringt ein Geräusch, das an das Zerkleinern von nassem Holz erinnert.
Ein bewaffneter Trupp (4 Mann) unter Leitung von
Dr. V. betritt Ebene -3.
BERICHT DES BERGUNGSTRUPPS:
Der Raum roch stark nach Ozon und altem Kupfer. Die Subjekte 1, 2, 3 und 4 befanden sich in der hintersten Raumecke.
Ihre Körper waren miteinander verschmolzen. Die Fleischmassen wiesen keine Schnitt- oder Nahtwunden auf; es wirkte, als wären die Körper auf zellularer Ebene ineinander geflossen. Die Extremitäten waren in unnatürlichen Winkeln gebrochen und dienten der "Masse" als eine Art Stützgestell.
Die Masse atmete rhythmisch.
Aus dem Zentrum dieses Konstrukts ragte das Gesicht von Subjekt 5, welches seit Tag 14 vermisst wurde. Subjekt 5 öffnete die Augen (die Lider fehlten) und lächelte das Personal an.
Aus dem Mund von Subjekt 5 kam die russische Stimme des Tonbands und sagte:
"Der Kessel ist nun offen."
MASSNAHMEN / STATUS:
- Der Bergungstrupp floh und verriegelte die Tür von außen.
- Ebene -3 wurde durch Belüftungsschächte mit thermischen Brandsätzen gereinigt. Die Schreie dauerten 47 Minuten an.
- Anschließend wurde der Sektor mit 400 Kubikmetern Flüssigbeton verfüllt.
- Zwei der Wissenschaftler begingen in den Folgewochen Suizid,
Dr. V. wurde in die geschlossene Einrichtung Waldheim überstellt (Diagnose: Schizophrenie, Wahnvorstellungen von "Augen im Beton").
Das Projekt "Stummer Wächter" hat nie existiert. Die Akte ist zu versiegeln.
[ENDE DER AKTE]